unscharf und schludrig

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    • lohi wrote:

      bevorzuge ich auch geringmanipulierte vintage prints und erstabzüge.
      Das geht mir auch so.

      Ich denke aber meine Vorliebe für diese Art von Prints hat auch damit zu tun, dass ich es eben nicht so drauf habe mit der Weiterverarbeitung. Ich finde es doch sehr bewundernswert und beneidenswert, wie manche aus einem profanen oder schwierigen Negativ einen herausragenden Print erarbeiten können. Wenn es um dieses Thema geht, kommt mir immer das Bild "Clearing Winter Storm" von Ansel Adams in den Sinn. In dem Buch "Das Positiv" beschreibt er ja detailliert, wie er sich dieses Bild erarbeitet hat.

      Der Vergleich mit der Bleistiftzeichnung gefällt mir. Ich liebe die Bleistiftzeichnung. Auch blosse Skizzen, wenn gekonnt gemacht, zeigen oftmals viel mehr das Wesentliche, als fein ausgearbeitete Zeichnungen.
      Auch als Bildhauer hat mich die Frage immerzu beschäftigt, ab wann eine Skulptur fertig ist. Darf man noch Bearbeitungsspuren sehen? Wenn ja, oder gar nötig, wieviel davon? Bei manchen Skulpturen war ich der Meinung, die Form wird tot, wenn sie zu fein ausgearbeitet wird. Andersrum kann es auch unvollendet, nicht fertig gemacht, aussehen.


      So ergeht es mir bei manchen fotografischen Bildern und habe deshalb hier das "rohe" Bild erwähnt.
    • Clickma wrote:

      Eine weitere Frage, die mich umtreibt:
      Das "rohe", das "ehrliche" Bild. Ehrlich lasse ich vielleicht besser weg. Aber das "rohe" Bild interessiert mich. Dabei möchte ich mich aber nur auf die analoge Aufnahmetechnik beschränken.

      Wie wirkt eine Fotografie, wenn man nur die technisch vorgegebenen Parameter berücksichtigt, die für die Entstehung einer Fotografie nötig sind? Dies vorerst mal unabhängig von der Wahl des Materials. Einfach mit dem, was nötig und vorhanden ist. Also ohne weitere Ausarbeitungen in Folgeprozessen. Ist das überhaupt möglich, respektive darf man das so stehen lassen? Oder ist es schlicht und einfach nur angefangene und nicht zu Ende geführte Arbeit?
      Beschäftige dich mal mit "Miroslav Tichy" und "Wols"
    • Oh! Danke.

      Miroslav Tichy ist tatsächlich ein guter Hinweis zum rohen Bild. Ich habe mal im Kunsthaus Zürich eine Ausstellung gesehen und ein Buch von ihm habe ich ja auch.

      Wols kenne ich nur als Zeichner und Maler. Es scheint, als lohne es sich, sich mit seinem fotografischen Schaffen zu auseinanderzusetzen.
    • Naja, also schludrig sind die Bilder von Miroslav Tichy überhaupt nicht. Ich denke, da steckt eine Menge Bearbeitung drin. Aber der Wunsch nach dem "rohen Bild" läßt natürlich einen breiten Interpretationsspielraum zu. Ich hatte das nicht verstanden.
    • Clickma wrote:

      Oh! Danke.

      Miroslav Tichy ist tatsächlich ein guter Hinweis zum rohen Bild. Ich habe mal im Kunsthaus Zürich eine Ausstellung gesehen und ein Buch von ihm habe ich ja auch.

      Wols kenne ich nur als Zeichner und Maler. Es scheint, als lohne es sich, sich mit seinem fotografischen Schaffen zu auseinanderzusetzen.
      Leider gibt es von Wols nicht so viele Publikationen
      Was ich gerade finde:
      "WOLS Aufbruch nach 1945" Michael Imhof Verlag Ausstellungskatalog Museumslandschaft Hessen Kassel, Neue Galerie 2014
      ISBN 978-3-7319-0019-1
      Fast nur Zeichnungen, Aquarelle , aber auch ein paar Fotos, sehr schöner Katalog

      "WOLS PHOTOGRAPH. DER GERETTETE BLICK" Hatje Kantz Staatliche Sammlungen Dresden Kupferstich-Kabinett Dresden Herausgeber Michael Hering 2013 grandioser Katalog
      ISBN: 978-3-7757-3605-3
    • Sind die Bilder, die von Tichy ausgestellt und publiziert werden überhaupt von ihm selber gemacht worden? Also ich meine die Abzüge. Ich meine mal gelesen zu haben, dass er eigentlich nur die Filme belichtet hat und weil ihm das Geld fehlte und sich zu Lebzeiten ohnehin niemand für seine Arbeiten interessierte, keine oder nur wenige Abzüge gemacht hat.
    • Clickma wrote:

      Sind die Bilder, die von Tichy ausgestellt und publiziert werden überhaupt von ihm selber gemacht worden? Also ich meine die Abzüge. Ich meine mal gelesen zu haben, dass er eigentlich nur die Filme belichtet hat und weil ihm das Geld fehlte und sich zu Lebzeiten ohnehin niemand für seine Arbeiten interessierte, keine oder nur wenige Abzüge gemacht hat.
      Ich weiß es nicht aber laut wikipedia hat er es selber gemacht
      de.wikipedia.org/wiki/Miroslav_Tich%C3%BD
    • Nun - wie auch immer. Seine Fotografien finde ich interessant und spannend und gefallen mir gut. Aber sie erfüllen die Kriterien des Fineart- Prints nicht. Das ist völlig egal.

      Und ja - es sind solche Bilder, die nicht den Dogmen, wie eine Fotografie auszusehen hat, entsprechen. Bromflecken, Fingerabdrücke oder gar eine Fliege ist eigentlich verpönt.
    • Clickma wrote:

      Ich meine mal gelesen zu haben, dass er eigentlich nur die Filme belichtet hat und weil ihm das Geld fehlte und sich zu Lebzeiten ohnehin niemand für seine Arbeiten interessierte, keine oder nur wenige Abzüge gemacht hat.
      jeden tag 3x36 bilder auf 3 filmen, das ging auch ins geld, zumal im osten.

      mit einem halben dutzend bildern und einer ausarbeitung auf papier hätte er in 6 tagen 36 abzüge, was rund 180 bilder im monat machte. - so aber hatte er "nur" 2940 kb-negative im monat.

      die masse muss ihm was bedeutet haben, teil seines künstlerischen selbstverständnisses sein. auslösen als lebenform, als performativer akt, der sich nicht selbstverständlich in den dienst konventioneller technik stellt, die das positiv propagiert. ebenso die "rohheit" seiner bilder bzw. die selbstthematisierung der medialen übertragung, die ja nicht nur das apparative, sondern auch die person in der gesellschaft zu betreffen schien.
    • lohi wrote:

      vielleicht zeigt das rohe bild am besten, was einer so drauf hat.

      "am besten" vielleicht nicht, aber man kann doch sehr gut erkennen, welchen blick jemand hat. wie er das, was ihm wichtig erscheint, erzählen möchte.

      wobei "das rohe bild" da meiner meinung nach nicht reicht. wie auch generell EIN bild mir nicht reicht. meine erfahrung: so ab ca. einem dutzend bildern zu einem thema glaube ich zu erkennen, worum es dem erschaffer geht. mal mehr, mal weniger. manchmal aber auch gar nicht. :D

      ich glaube nicht an DAS BILD. jeden falls in der fotografie. ich glaube an BILDER.

      aber ein "rohes bild" nur um seiner "rohheit" willen in seinem direkten zustand "out of the tray" so zu belassen, erscheint mir vor dem hintergrund der mittel, die die fotografie im unterschied zur malerei oder grafik besitzt, "verkürzt" zu sein. in den allermeisten fällen jedenfalls. und ein mittel der fotografie ist nun mal - verglichen mit anderen bildnerischen künsten - ihre wie stark auch immer bezeugte nähe zu den dingen, derer sie sich annimmt. ist ein bromfleck eine zu belegende entität des motivs? sind fingerabdrücke oder fliegen indexierte charakteristika des abgebildeten? oder transformieren sie nicht erst im nachgang, während des prozesses "das rohe" zu etwas völlig neuem? das (vorgeblich) "rohe" bei tichy zeigt ja nicht, was tichy so draufhat (ahnungslose menschen würden sagen: es zeigt eher, was er NICHT draufhat). sondern es zeigt sein gefühl für atmossphäre, sein vertrauen in etwas unbekanntes-zukünftiges, seine Zuversicht in ein "werden", das zwischen dem moment des auslösens und dem finalen wässern seiner abzüge liegt. oder vielleicht sogar noch später "passiert". seine bilder vermitteln den "eindruck" von rohheit, sind es aber genau eben nicht.

      die allerwenigsten GF-fotografen dürften wohl erklären können, wozu man sich einer 8x10 oder noch größeren kamera nebst einer sammlung allerbestens vergütetster linsen bedienen soll, wenn am ende ein flauer, fleckiger "ja was eigentlich" entstehen soll.

      ich fürchte zudem, dass das, was wir häufig für "roh" halten (also auch erst einmal einen stark verkürzten/vereinfachten prozess suggeriert), einen ähnlich hohen prozessuralen aufwand erfordert wie das, was unsere sehgewohnheit für ein "normales", in unserem sinne "nichtrohes", bild hält.

      davon leben ja komplette softwareschmieden heutzutage.

      lohi wrote:

      daher bevorzuge ich auch geringmanipulierte vintage prints und erstabzüge.

      ich kann diese haltung nachvollziehen. ich bewundere insgeheim sogar die bescheidenheit, die damit einhergehen muss. ich muss aber auch gestehen, das ich selbst bei den allerwenigsten motiven ein verständnis für diesen reinen index-charakter eines bildes aufbringen kann. besser: gefallen an ihm finden kann. dafür bin ich zu sehr in "schönheit" vernarrt.

      bei tichy passt das aber, weil erst dadurch seine motive zu dem werden, was sie sind. wie sie sich uns darbieten sollen. großartig.
      dislikes? wenn es dir in deiner kleinen welt weiterhilft...
      likes? lieber nicht. unnötig.